Forschung in der Homöopathie – eine Herausforderung
Marco Righetti
Sowohl die konventionelle Medizin („Schulmedizin“) wie die Homöopathie beruhen auf genauer („empirischer“) Beobachtung, doch unterscheiden sich Art der Beobachtung, Vorgehensweise und Arzneimittelanwendung deutlich.
Zu den Hauptschwierigkeiten für die Anerkennung der Homöopathie gehören die bis jenseits der Molekülgrenze potenzierten („verdünnten“) Arzneimittel, deren Anwendung nach dem Ähnlichkeitsprinzip und der nicht genau bekannte Wirkmechanismus. Ein Hokuspokus? Aus Sicht der konventionellen Pharmakologie ist eine Wirkung nicht möglich. Auf der anderen Seite hatte die Homöopathie historisch rasch Erfolg bei Epidemien, im Lauf der Zeit bei der Behandlung von vielen Millionen Kranken, bei akuten und chronischen, auch schwereren und Infektionskrankheiten, Tieren und Säuglingen, und dies mit guter Langzeitwirkung. Im Unterschied zur Placebowirkung ist die Zuwendung bei jenen Patienten am geringsten, bei denen die individuelle Mittelsuche den schnellsten und besten Erfolg zeigt; am meisten Zuwendung erhalten jene mit langwieriger und erfolgloser Mittelsuche.
Bei einer so merkwürdigen und umstrittenen Methode folgt der Ruf nach harten Fakten: Die Forschung soll’s richten. Die Homöopathie basiert zwar seit ihren Anfängen auf Forschung: Arzneimittelprüfungen an Gesunden, exakte Beobachtung der individuellen Symptome für die Mittelwahl, Arzneiherstellung und Dosierung, Entwicklung der Methode etc. Diese Forschung für die eigenen Zwecke interessiert aber ausserhalb der Homöopathie kaum jemanden. Gefragt ist konventionelle Forschung. Die grosse Mehrzahl dieser Rechtfertigungsstudien nach aussen missachtet die Grundregeln der Homöopathie und presst verzerrte Homöopathieformen in ein starres, standardisiertes Forschungskorsett. Die meisten dieser Studien sind praxisfremd und ohne Bedeutung und Gültigkeit für die Praxis (geringe externe und Modell-Validität, Gefahr falsch negativer Ergebnisse). Besonders problematisch bei derart komplexen Fragestellungen ist der übliche „Goldstandard“ der Forschung, die kontrollierte Doppelblindstudie (Randomized Controlled Trial, RCT): In der Homöopathie gibt es keine Standardtherapie, das völlig individuell gewählte Mittel lässt sich erst durch die Wirkung am Patienten verifizieren.
Trotz dieser Schwierigkeiten ist es in zahlreichen experimentellen und klinischen Studien gelungen, die Wirkung bzw. Wirksamkeit der Homöopathie nachzuweisen. In manchen Studien mag die Qualität mangelhaft sein und sie wurden zu wenig oft reproduziert. Aber man kann die Ergebnisse nicht einfach ignorieren. Angemessener zur Untersuchung der Homöopathie sind indessen Beobachtungsstudien in der Praxis, welche regelmässig deutliche positive Effekte der Homöopathie aufzeigen (s. unten).
Zu den Forschungsergebnissen
Physikalisch-chemische Grundlagenuntersuchungen weisen zum Teil auf unerwartete Veränderungen der Lösungsmittelstruktur hin, den Wirkmechanismus der Homöopathie können sie bisher aber nicht genauer belegen (s. Links)
Unter den experimentellen Studien gibt es am meisten positive Wirkungsnachweise mit dem Basophilendegranulationstest aus der Allergologie und mit Tiervergiftungssstudien. Weitere Modelle erforschen z. B. das Wachstum von Pflanzen und die Entwicklung von Hochlandamphibien unter potenziertem Schilddrüsenhormon.
Bei den klinischen Studien (Patientenstudien) existieren über 400 kontrollierte Studien (RCT, s. o.) und deutlich über 1000 Studien insgesamt. Die grosse Mehrzahl dieser Studien, alle grossen Übersichten und Metaanalysen, darunter die rigorosen Systematischen Reviews von Kleijnen (1991), Boissel (1996), Linde (1997) und Cucherat (2002), sowie die neueren grossen Übersichten von Wein (2002), Dean (2004) und Mathie (2003ff.) zeigen ein – zum Teil vorsichtig – positives Ergebnis. Auch der Health Technology Assessment (HTA) Bericht Homöopathie im Rahmen des Programms Evaluation Komplementärmedizin (PEK) des Schweizer Bundesamtes für Gesundheitswesen kommt 2005 zu einem positiven Ergebnis: 20 von 22 untersuchten Systematischen Reviews waren positiv. Die Aussage von Kritikern, dass es keine einzige beweisende Studie gebe, ist zwar medienwirksam aber unhaltbar. Man kann höchstens darüber diskutieren, wie die Evidenz zu bewerten ist, ob das Glas halbvoll oder halbleer ist.
Einzig die Literaturstudie von Shang et al. (2005 vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin Bern), kommt scheinbar zu einem anderen Ergebnis. Auch hier sind zwar die je 110 konventionellen und homöopathischen Studien in vergleichbarem Mass positiv. Das negative Ergebnis beruht einzig auf einer Extrapolation aus einer willkürlichen Auswahl von 8 Homöopathie- im Vergleich zu 6 konventionellen Studien; eine Reanalyse zeigt, dass das Ergebnis sogar nur von einer einzigen fragwürdigen Studie herrührt (Lüdtke, Rutten 2008) – dies beim Anspruch auf eine Metaanalyse! Die Studie ist auch sonst in mehrfacher Hinsicht kritikwürdig (Stellungnahme des Schweiz. Vereins Homöopathischer Ärztinnen und Ärzte, SVHA, 2005).
Besser geeignete und praxisgerechtere Methoden zur Untersuchung der Homöopathie sind indessen Einzelfallstudien an grösseren Patientenzahlen über genügend lange Zeit. Eine Reihe solcher Versorgungsstudien aus neuerer Zeit zeigen deutlich positive Ergebnisse, so die deutsche Langzeitstudie von Witt et al. (2005) an fast 4000 Patienten mit chronischen Krankheiten. Auch in der Praxisstudie im Rahmen des Schweizer PEK (PEK Schlussbericht 2005) erweist sich die Homöopathie/Komplementärmedizin im Vergleich zu konventionellen Hausarztpraxen als mindestens ebenbürtig, tendenziell z. T. überlegen. Und bei den Kosten zeigt sie sich als kostengünstig und wirtschaftlich (Studer, Busato 2010; Kooreman, Baars 2011).
Zusammenfassend zeigen in- und ausländische Studien übereinstimmend, dass die klassische Homöopathie eine wirksame, zweckmässige, kostengünstige und nebenwirkungsarme Behandlungsmethode ist, die sich für eine integrierte Grundversorgung sehr gut eignet und besonders bei chronischen Krankheiten und Beschwerden ein Plus im Vergleich zur rein konventionellen Medizin aufweist.
Links:
Grundlagenforschung , ein Überblick: www.informationen-zur-homoeopathie.de Grundlagenforschung
Grundlagenforschung, Datenbank HomoeopathicBasic research experiments database www.carstens-stiftung-de/hombrex
Klinische Studien, eine Zusammenstellung: www.informationen-zur-homoeopathie.de Klinische Forschung
Klinische Studien, Datenbank der Carstens-Stifung mit >1100 Studien: www.carstens-stiftung.de/core-hom